Geometrische Komposition
Komposition ‚Heiß‘

Hans Reichel

Geometrische Komposition

1948
Aquarell und Tuschfeder auf Maschinenbütten, aufgeklebt auf festen Karton und mit einer aquarellierten Umrandung versehen
21,8 x 21,3 cm


Typische abstrakte Komposition des naturverbundenen Künstlers, dessen Werke an Traumlandschaften erinnern. Fisch, Vogel, Sichelmond, Sonne, Blumen und Pflanzen sind meistens Bestandteile seines Bildrepertoires; in lebhaften Formen und Farben erlauben sie in einer harmonischen Zusammenstellung Assoziationen zu verschiedenen Gegenständen, jedoch: "[Reichel] war eigentlich nie ganz irdisch [...] Zuweilen wirkte der verschleierte Blick seiner Augen, als sei er gerade heimgekehrt von einer langen Unterwasserreise [...] Wenn er nicht – wie's wohl geschah – mit einem Katzenjammer erwachte, so begann, denke ich mir, sein Tag damit, dass er auf die ferne Musik schwingender Flügel und verwehender Klänge lauschte und dem Wolkentanz ineinanderfliessender Träume zuschaute. Dies war die Welt, die er in seinen Bildern sichtbar zu machen sich mühte." (Henry Miller: Reichel ist, der Reichel war, in: François Mathey: Hans Reichel. Frauenfeld 1980, S. 30).

Hans Reichel

Komposition ‚Heiß‘

1941
Aquarell, Gouache und Tusche auf Karton (Postkarte)
13,9 x 9 cm


Unsere Postkarte mit einer filigranen, märchenhaften Traumszene Reichels ist durchdrungen von Poesie. Die in warmen, strahlenden, ja "heißen" Farben aquarellierte Zeichnung schickt Reichel (seit 1929 in Paris lebend) während seiner Internierungszeit im ‚Camp de Gurs‘ in Frankreich als Postkarte an die Künstlerin ("Hertiherz") Herta Hausmann. Sie ist seine Vertraute und Weggefährtin und ebenfalls als Deutsche in Paris lebend interniert. An sie schreibt Reichel zwischen 1939 und 1954 ca. 200 Briefe, die man später in ihrem Nachlaß gefunden hat.
Durch die besonders persönlichen und schwärmerischen Zeilen in Kombination mit seiner leidenschaftlichen Kunst erleben wir einen zutiefst eindringlichen Ausdruck seiner Gedankenwelt. Und gerade die Vermittlung einer Empfindung ist Zeit seines Lebens wesentliches Anliegen seiner künstlerischen Arbeit.

Der Grußtext lautet:
„21.II.41
Mein Hertiherz! Diese Karte ist
in den Farben „heiß“ – wenn Du sie auf Weiß unter Glas
legst wirst Du das noch deutlicher empfinden.
Wenn Zeit u. Gelingen ist
will ich Dir nächstens eine
„Kalte“ schicken.
Hier strömender Regen
seit Tagen. Ich warte sehnsüchtig auf Nachricht
von Dir.
Alles fährt in Urlaub –
wann kommen wir
beide dran?
Ich liebe Dich unverändert
u. bin erfüllt von Dir!
Hertus Du ! Dein Reicheln"

Über Hans Reichel

Geboren: 1892 in Würzburg
Gestorben: 1958 in Paris

Hans Reichel wird am 9. August 1892 in Würzburg geboren. Nach der Schule weiß der junge sehr begabte Reichel nicht, ob er lieber Maler oder Schriftsteller werden soll und beginnt deswegen mit einer Ausbildung in beiden Bereichen. Reichel lernt z.B. Rilke kennen, von dessen Poesie und Literatur er sehr angetan ist.
Nach einem kurzen Lehraufenthalt in einer Kunstschule während des Jahres 1918 erhält er jedoch die entscheidenden Impulse von dem damals in München im Brennpunkt des Geschehens stehenden Paul Klee. Ausgangspunkt sind Klees "kosmische Bilder". Sie bringen Reichel auf die Idee, "imaginär" zu malen. Im Vergleich mit Klee sind Reichels Arbeiten poetisch-naiver, geradliniger und gefühlsbetonter.
Bevor Klee 1920 ans Bauhaus berufen wird, mietet er im Werneckschlößl, in dem auch Reichel wohnt, ein Atelier. Die Verbindung zwischen den Beiden vertieft sich und so besucht Reichel 1924 seinen Freund in Weimar. Er begegnet hier Kandinsky, Gropius und Feininger. Da das Arbeiten im Kollektiv seinem Wesen überhaupt nicht entspricht, entscheidet er sich für seine eigene künstlerische Realisation in Paris. Dort lebt er ab 1928 für die folgenden zwölf Jahre. Seine Bilder sind das Ergebnis seiner tief mystisch und poetisch empfindenden Seele, die Dinge in ein traumhaftes Verhältnis zueinander rücken vermag. Mittels Linienüberschneidungen und Überlagerungen durchscheinender Flächen legt Reichel eine Transparenz frei, die ihm in seinem Spätwerk mit Hilfe der Technik des Aquarells immer subtiler gelingen wird. Ab 1939 ist Reichel in verschiedenen Lagern interniert, bis ihm 1944 die Flucht gelingt und er nach Paris zurückkehren kann. Seine späten Aquarelle kennzeichnen "Schwebeformen", Farbschleier und freie Farbformen, die über das Blatt "hinwegspülen" und die durchscheinende Zartheit der früheren Arbeiten noch steigern. So wird nach Reichels Tod sein Schaffen der "lyrischen Abstraktion" 1960 mit einer umfassenden Ausstellung in Köln und in der Kestner-Gesellschaft Hannover gedacht.