Dithyrambe

Markus Lüpertz

Dithyrambe

1964
Öl, Gouache und Dispersionsfarbe mit Collage auf unregelmäßig gerissenem geknitterten Papier
86,5 x 58 cm


Der „Dithyrambos“ (altgriech.) ist – neben Tragödie, Komödie und Satyrspiel – die vierte antike literarische Gattung, ein Chorlied als Hymne auf den Gott Dionysos. In der Moderne erfolgt die bedeutendste Wiedererweckung des „Dithyrambos“ durch Friedrich Nietzsche.
Wenn im 20. Jahrhundert ein Künstler den „Dithyrambos“ erneut evoziert, stellt er sich bewußt in eine Reihe mit Dionysos und Nietzsche. Lüpertz erfindet den Begriff der Dithyrambe neu und zelebriert die Malerei. An die Tradition des Chorlieds zu Ehren des Dionysos anknüpfend, spiegelt unsere „Dithyrambe“ das Ekstatische des „Dionysischen“ wider. Voller Spontaneität und Kreativität, geradezu im Rausch konzipiert, wirken die Malmittel, explosiven Farben und das gerissene, unregelmäßige Papier grenzenlos ineinander. Auf den ersten Blick beschwört die wuchtige und fast dreidimensional wirkende Arbeit Unordnung und Chaos; jedoch gerade die frühen „Dithyramben“ weisen eine gewisse Symmetrie und Gegenständliches wie zum Beispiel eine menschliche Kopfform auf – hier angedeutet durch den blauen Kreis in der oberen Hälfte des Bildes.
Kraftvolle und derart „archaische“ Arbeiten wie diese beweisen Lüpertz’ individuelle, stets geistige Auseinandersetzung mit zentralen Themen der Malerei und seine Idee der Erneuerung durch das „Dionysische“. Als Ausdruck dieser Euphorie und unbändigen Schaffenskraft geben sie Zeugnis, wie Lüpertz sich immer wieder neu erfindet.

Über Markus Lüpertz

Geboren: 1941 in Liberec/Böhmen
Lebt und arbeitet in Berlin, Düsseldorf und Karlsruhe

Am 25. April 1941 wird der „Malerfürst“ im böhmischen Liberec geboren. Wuchtig und expressiv ist die künstlerische Handschrift des Malers und Bildhauers, der sich mit extravaganten Anzügen, Ohrring und Gehstock in der Öffentlichkeit inszeniert und damit einen eigenen Künstler-Mythos begründet. Seine Ausbildung beginnt 1956 bis 1961 mit dem Studium an der Werkkunstschule Krefeld und einem Semester an der Kunstakademie Düsseldorf, die er „wegen einer Schlägerei“ wieder verlassen muss. Während dieser Zeit verdient sich der Künstler seinen Lebensunterhalt u.a. im Kohlenbergbau unter Tage und im Straßenbau. Anfang der 1970er Jahre schafft Lüpertz den Durchbruch mit großformatigen Motiven, die von vielen als verschlüsselte Ikonen deutscher Vergangenheit gefeiert werden. Wie Georg Baselitz versucht er, dem seinerzeit vorherrschenden Informel zu trotzen. Gleichzeitig vermeidet Lüpertz eine einschränkende Thematik; selbst seine „Dithyrambischen Bilder“ ab 1963 sind in Anlehnung an altgriechische Lieder des Dionysos-Kultes allein Vergegenständlichung der abstrakten Form. In seinen Arbeiten stellt er nicht weniger als die Grenzen der Malerei in Frage und vereinbart das Gewicht der Geschichte mit seinem Wunsch, das zu sein, was er „Maler ohne Verantwortung“ nennt.
Auftragsarbeiten wie die 12 Kirchenfenster der St. Andreas Kirche in Köln (2013) oder die fast drei Meter hohe Bronzeskulptur Ludwig van Beethovens, die seit 2014 im Bonner Stadtgarten steht, festigen den künstlerischen Rang des langjährigen Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie (1988-2009). Neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer wird Lüpertz zu den „Big Five“ der deutschen zeitgenössischen Kunst gezählt.