Dorf mit Kirche am See (Hilterfingen)
Schiffbug Tunis
Schmetterlinge VI
Toreingang
Vier Araber

August Macke

Dorf mit Kirche am See (Hilterfingen)

1914
Kohle, partiell gewischt, auf Velin
17,2 x 10,5 cm


Anfang Oktober 1913 ist Macke mit seiner Frau Elisabeth und den Söhnen Walter und Wolfgang von Bonn ins schweizerische Hilterfingen übergesiedelt. Die kleine Familie bewohnt dort das Haus Rosengarten, von wo aus man einen phantastischen Blick auf den Thunersee hat. Beseelt von der neuen Umgebung, erkundet der Künstler zeichnend die Landschaft. „Er skizziert oft draussen und malt dann auswendig, stellt sich Sachen zusammen. So unser Picknick und allerlei anderes“, schreibt Elisabeth an ihre Mutter. Der Blick auf das Örtchen Hilterfingen mit seiner charakteristischen Kirche, in der die beiden Söhne am 10. Mai 1914 getauft werden sollten, fasziniert Macke besonders. Der Standpunkt auf dem Hügel, der den Baum als bildrahmendes Motiv mit einbezieht, findet sich in weiteren Zeichnungen aus der Zeit. Doch während der Künstler dort ein weites Panorama öffnet, konzentriert sich unsere Zeichnung auf die Architektur des mittig aufragenden Kirchturms, auf den der Blick durch die herabhängenden Zweige des imposanten Baumes fällt. Nur mit dem Schwarzweiß von Kohle und Papier versteht es Macke, einen bildnerisch verdichteten Eindruck der prägnanten Landschaft wiederzugeben, „eine gut getroffene Auswahl, einen Spiegel der Empfindungen“.

August Macke

Schiffbug Tunis

1914
Kohle auf Velin (aus einem Skizzenbuch)
15,6 x 10,5 cm


Es ist der 6. April 1914, als August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet an Bord des Dampfers „Carthage“ der „Compagnie Générale Transatlantique“ im Hafen von Marseille ablegen und sich auf eine der berühmtesten Reisen der Kunstgeschichte machen. Ihr Ziel: Tunis, Sidi Bou Said, Karthago, Hammamet und Kairouan. Die Künstler tauchen ein in ein Land, von dem sie und viele ihrer Zeitgenossen nur poetische Vorstellungen im Gewand von „Tausendundeiner Nacht“ haben. Die überwältigenden Eindrücke der erlebten Wirklichkeit hält Macke, das Skizzenbuch jederzeit zur Hand, in seinen Zeichnungen fest. Nur so kann er unmittelbar auf die ihn faszinierende fremde Kultur reagieren. „Donnerstag, den 9.4. Wetter wieder ganz klar. Aber windig. Im Hafen gemalt. Der Kohlenstaub in den Augen und in den Aquarellfarben. Trotzdem!“ notiert Klee in sein Tagebuch.

Auch Macke zeichnet im Hafen von Tunis: ein Schiff am Kai mit markantem Schornstein, ein helles Gebäude mit Markise und großem Balkon und einen in ein weißes Gewand gehüllten Araber. Auffällig ist die Entscheidung für den äußerst schmalen Bildausschnitt, der uns einen flüchtigen Blick über die Schulter des Künstlers ermöglicht, wie Macke ihn täglich hundertfach beim Spazieren durch die unzähligen engen Gassen im Araberviertel gehabt haben muß. Es ist dieser schlaglichtartige und doch szenisch entwickelte Moment, den wohl niemand besser ausführen könnte als der späte Macke, der in den Jahren 1913 und 1914 rauschhaft und doch in größter Klarheit festhält, was er sieht und fühlt, der seine Eindrücke unaufhörlich in Zeichnungen übersetzt.

August Macke

Schmetterlinge VI

1911
Gouache in Blau, Rot und wenig Grün auf gelbem Wachspapier
9,7 x 9,6 cm


August Macke

Toreingang

1914
Kohle, partiell gewischt, auf Velin (aus einem Skizzenbuch)
15,4 x 10,4 cm


Am 7. April 1914 trifft August Macke mit seinen Reisegefährten Paul Klee und Louis Moilliet in Tunis ein. Unmittelbar am Rande der Medina, dem mittelalterlichen, ummauerten Araberviertel von Tunis, bezieht er Quartier im „Grand Hôtel de France“. Von hier aus erkundet er die für ihn fremde Welt: Die engen Gassen der Altstadt mit ihren Markisen, Veranden und Basarsegeln sind voll von Anregungen für sein künstlerisches Empfinden, die Wirkung der Stadt, ihrer ganz neuen Formenwelt, der ungewohnte arabische Sprachklang und die Rufe der Muezzins, die tagtäglich durch die Medina schallen, sind für ihn von überwältigender Wirkung. Macke interessieren dabei weder die großartigen Moscheekuppeln noch die griechisch-römischen Palastbauten der Antike. Stattdessen zeichnet er die Menschen und ihre direkte, alltägliche Umgebung.

Eine dieser typischen Straßenszenen ist unser „Toreingang“ – dargestellt sind ein Architekturbogen, ein dunkler, nischenhafter Hauseingang und drei unverschleierte und wahrscheinlich europäische junge Frauen, die diesen betreten. Der links sitzende Araber in traditionellem Gewand kehrt den Frauen den Rücken zu und lenkt unseren Blick auf das auffällige Tormotiv. Deutlich sichtbar wird hier eine Gestaltungsidee, die Macke besonders in seinen Aquarellen immer wieder aufgreift: die Darstellung von Architektur als Vereinfachung großer Flächen. Der Bewegtheit des Geschehens in anderen Tunis-Zeichnungen stellt Macke hier einen klaren und intimen Blick auf etwas ganz Schlichtes und Selbstverständliches gegenüber: Häuser, Türen und Menschen.

August Macke

Vier Araber

1914
Bleistift auf Velin (aus einem Notizblock)
14,5 x 8,8 cm


Die Zeichnungen der Tunisreise kennzeichnen eine außerordentliche Intensität und schöpferische Energie. Angetrieben von ungewohnten Eindrücken, zeichnet Macke wie im Rausch. Auch die hier vorgestellte Zeichnung „Vier Araber“ zeugt von dieser Dynamik und Schaffensfreude. Um den fremden Kontinent intensiv erleben zu können, zieht es den Künstler immer wieder zu den quirligen afrikanischen Märkten. Er hält die Umgebung fest, nicht nur mit Aquarellpinsel und Bleistift, sondern auch mit dem Fotoapparat: Menschenstudien in Straßenszenen, Einzelportraits, Ansichten von Caféhäusern – aus dem Fotoalbum Mackes sind viele dieser Bilder überliefert. Macke zeigt sich gefesselt vom fotografischen Ausschnitt. Ob auch die „Vier Araber“ mit einer Albumaufnahme zusammenhängen, ist nicht eindeutig zu klären. Und doch wirken Papierformat und Bildausschnitt, ja selbst die Anmutung einer leichten Unschärfe in diesem Blatt so, als wären sie einer – verwackelten – Fotografie entlehnt. Auch weisen die Gesichter der vier Männer in ihren feinen Details portraithafte Züge auf – im Gegensatz zu vielen anderen Tunis-Zeichnungen, in denen Araber zumeist stilisiert mit gleichbleibender ovaler Gesichtsform dargestellt werden. Mit der Reduzierung auf die eng stehende Gruppe der vier Araber und das Ausblenden von Hintergrund und architektonischen Details zielt der Künstler darauf ab, weniger das Anekdotische herauszuarbeiten, als vielmehr die lebhafte atmosphärische Dichte des Augenblicks zu evozieren.

Über August Macke

Geboren: 1887 in Meschede
Gestorben: 1914 in Perthes-lès-Hurlus

Am 3. Januar 1887 im niederländischen Meschede geboren, wächst August Macke in Bonn und Köln auf. Mit 17 Jahren beginnt er sein Studium an der Kunstakademie und der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. 1907 reist Macke nach Paris, wo er die Malerei der Impressionisten sieht, die ihn fasziniert und beeinflusst. Zurück im Kaiserreich geht er nach Berlin und besucht für kurze Zeit die Malschule von Lovis Corinth. Nachdem er 1908 für ein Jahr als Freiwilliger Militärdienst geleistet hat, heiratet der Künstler Elisabeth Gerhardt. 1909 begegnet er in Tegernsee Franz Marc, mit dem ihn eine lebenslange Künstlerfreundschaft verbinden wird. Mit ihren farbintensiven, flächigen Formen zeigen Mackes Arbeiten aus dieser Zeit deutlich den Einfluß der Malerei von Matisse und Marc. 1911 schließt sich Macke Kandinsky und Marc an, die im selben Jahr unter der Bezeichnung "Der Blaue Reiter" Ausstellungen organisieren und den gleichnamigen Almanch herausgeben. Auf einer weiteren Parisreise mit Marc lernt er Robert Delaunay kennen, der ihn seinerseits später in Bonn in Begleitung von Guillaume Apollinaire besucht. Der Künstler setzt sich mit dessen orphistischer Malweise auseinander. Auch die Tunisreise mit Paul Klee und Louis Moilliet 1914 trägt dazu bei, dass sein ganz persönlicher Stil mit leuchtender, intensiver Farbigkeit und kristalliner Formgebung zur Vollendung kommt. Am 26. September 1914 fällt Macke an der Westfront in Frankreich mit 27 Jahren.