Liegender weiblicher Akt
Zwei Tänzerinnen

Ernst Ludwig Kirchner

Liegender weiblicher Akt

Um 1910/1911
Schwarze Kreide auf festem gräulichen Velin
40,5 x 49,5 cm


Bis zur Übersiedlung der Dresdner Künstlergruppe „Brücke“ in die pulsierende Großstadt Berlin 1911 ist für jene deutschen Expressionisten der Akt das zentrale Bildsujet. Dies gilt insbesondere für Ernst Ludwig Kirchner, der unumstritten den einflußreichsten künstlerischen Beitrag der Vereinigung liefert. Wöchentlich probt er gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden den sogenannten „Viertelstundenakt‟: Innerhalb von maximal 15 Minuten wollen sie das Modell zeichnerisch erfassen, bevor dieses die Position ändert und eine neue Ansicht zeigt. Bei diesem raschen Umsetzen geht es ihnen nicht um detailliertes Beobachten, sondern um die unmittelbare Annäherung an die menschliche Gestalt und deren Bewegung. So entwickelt Kirchner seine vitale Bildsprache, welche die Erfahrung eines flüchtigen Moments verdichtet und bewahrt. Träger dieser Dynamik ist vor allem die Linie, die allein das Wesentliche zum Ausdruck bringt – darin sieht der Künstler überhaupt die Funktion der Zeichnung.
Unsere Kreidezeichnung aus der Zeit um 1910 ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. Neben den in freier Natur an den Moritzburger Seen aufgenommenen Akten spielen Atelierszenen eine wichtige Rolle. In Kirchners Atelier, einem verlassenen Dresdner Fleischerladen, dekoriert mit exotischen Vorhängen, Paravents und „barbarischen“ Skulpturen, „tummelten sich immer ein paar nackte Weiber, und er hat sie rastlos gezeichnet und wieder gezeichnet“.
Kirchner gelingt es hier nicht nur, mit wenigen durchgezogenen Konturen die menschliche Gestalt zu fassen, sondern auch die natürliche Vertrautheit und Intimität der Situation – trotz des konsequenten Verzichts auf Details – treffend wiederzugeben. Dabei kommt ihm die vollendete Beherrschung der für ihn so charakteristischen impulsiven Linie zugute. Keineswegs geht es ihm um die realistische Wiedergabe der Modelle; wichtiger erscheinen ihm die Betonung der weichen, weiblichen Rundungen sowie die Bewegung des Körpers. Dem Bildsujet in jeder Hinsicht gerecht werdend, hat Ernst Ludwig Kirchner uns eine Skizze hinterlassen, die eine ungezwungene Leichtigkeit atmet.

Ernst Ludwig Kirchner

Zwei Tänzerinnen

Um 1910/11
Tuschfeder und Pinsel auf festem Velin
44,8 x 35 cm


Unser Exemplar der Motivreihe "Hamburger Tänzerinnen" ist laut dem WVZ der Graphik eine von insgesamt 5 Zeichnungen, die sich u.a. im Besitz des Museum of Modern Art, New York, im Brücke-Museum Berlin (ehemals Sammlung Karlheinz Gabler) und im Saarland Museum, Saarbrücken, befinden. Im WVZ sind insgesamt 4 verschiedene Graphiken zu diesem Thema aufgeführt.

Kirchners Malerei und Zeichnung erfährt in den Jahren um 1910 stilistisch einen Wendepunkt. Der sog. "weiche Stil" weicht härteren Konturlinien, eckigen Formen und verzerrten Proportionen sowie Formvereinfachungen. Ein Abstrahierungsprozess und eine schroffere, jedoch ungeheur dynamische Ausdrucksweise beginnt, die auch Kirchners Begegnung mit der außereuropäischen Kunst und dem Umzug in die pulsierende Großstadt Berlin geschuldet ist.
In unserem formidablen Blatt sind alle diese Stilmerkmale vorhanden – ebenso handelt es sich um ein von Kirchner in der Zeit bevorzugt behandeltes Thema, die Welt des Tanztheaters, Kabaret, Varieté und Zirkus.
Der in unserem Blatt schwungvoll vorgetragene 'Cake Walk' (ein aus den USA stammender Tanz) ist fulminant umgesetzt und zeigt einmal mehr, daß Kirchners Zeichenkunst einzigartig ist, und zu dem Schönsten und Reinsten gehört, das er insgesamt geschaffen hat.

Über Ernst Ludwig Kirchner

Geboren: 1880 in Aschaffenburg
Gestorben: 1938 in Davos

Bereits im jungen Alter von 25 Jahren gründet Ernst Ludwig Kirchner 1905 die Künstlervereinigung „Die Brücke“. Zusammen mit seinen Kommilitonen Erich Heckel, Gritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff, die er während seines Architekturstudiums in Dresden kennen lernt, wollen sie traditionelle, konservative Kunsttraditionen überwinden und neue Ausdrucksformen etablieren. Sie alle verstehen sich selbst als Autodidakten. Kirchner kann als führende Kraft dieser Gruppe mit ihrer unmittelbar erfassten, antibürgerlichen Kunstauffassung gelten, deren Werke sich auf das Notwendigste reduzieren, mit rohem Duktus und intensiven Farben. Und auch wenn sich der Künstlerverein, den wir heute als Keimzelle des deutschen Expressionismus betrachten, 1913 nach acht Jahren wieder auflöst, sollten Kirchners wichtigste Arbeiten erst noch entstehen: 1911 umgesiedelt nach Berlin wird die Großstadt des Künstlers bevorzugtes Bildmotiv, wie die großformatige, ikonische Straßenszene „Potsdamer Platz“ eindrucksvoll belegt. 1915 zieht der Künstler wie so viele andere Zeitgenossen mit ihm freiwillig in den Krieg – ein verhängnisvoller Schritt, infolgedessen Kirchner sich nach körperlichem und seelischem Zusammenbruch in einem Sanatorium bei Königstein (Taunus) behandeln lässt. Ab 1917 sprechen wir vom Spätwerk des Künstlers, dass sich nach seinem Umzug nach Davos in die Schweiz durch tapisserie-ähnliche Landschaftspanoramen und ausdrucksstarke Figurenbilder auszeichnet. Der sogenannte „Neue Stil“ ist gekennzeichnet durch eine linear abstrahierende, flächige Malweise. Die Nationalsozialisten diffamieren Kirchner als „entarteten“ Künstler und beschlagnahmen 639 seiner Werke. Verzweifelt und von Krankheit und Wahn geplagt, begeht Kirchner – nachdem er viele seiner eigenen Skulpturen und Werke zerstört – in Frauenkirch-Wildboden 1938 Selbstmord.