Geburt der Pferde
Ruhende Pferde
Schlafende Hirtin
Tierlegende
Versöhnung

Franz Marc

Geburt der Pferde

1913
Farbholzschnitt in Grün, Rot, Braun und Schwarz auf dünnem imitierten Japan
21,5 x 14,5 cm


Unser vorliegendes Blatt entsteht in Zusammenhang mit der von Franz Marc initiierten Idee zur Illustration einer „modern repräsentativen Bibel“ des Blauen Reiters. Voller Begeisterung beginnt der Künstler mit der Arbeit, bis ihn der Ausbruch des Krieges, aus dem er nicht mehr zurückkehren wird, daran hindert. Vier Holzschnitte zum Thema Schöpfung kann Marc noch realisieren. Unser Blatt, die „Geburt der Pferde“, ist eines davon. Dass er auch dieses große Thema bei der Entstehung der Tiere anpackt, wundert uns nicht: In der Morgenröte erheben sich drei Pferde, vom liegenden, über ein stehendes, bis zu einem stolz aufgerichteten. Die „Geburt der Pferde“ führt uns vor Augen, wie das Holzschneiden Marcs künstlerische Vorgehensweise verändert und weiterentwickelt hat: Linie, Farbe und Form gehen ein komplexes Geflecht ein und beweisen seinen virtuosen Umgang mit dem Schnitzmesser. Von Maria Marc wissen wir, dass der Künstler stets direkt auf den Holzstock zeichnet und jede Linie selbst schneidet. Die besondere Herausforderung dabei ist die Umsetzung der Idee in das Medium, wie Marc in einem Brief an Alfred Kubin beschreibt: „Ich schneide alles in Holz; der ganze Arbeitsprozeß ist dabei ein langsamer, – nicht etwa das Schneiden – aber das Denken in Holz, – das ist das Schwere“. Tiere, Natur und Kosmos sind eng miteinander verwoben und werden farblich durch den rot-grünen Komplementärkontrast gehalten. Die von Marc stets angestrebte und formulierte „Ganzheit“ scheint erreicht zu sein.

Franz Marc

Ruhende Pferde

1911/12
Farbholzschnitt in Blau, Grün und Schwarz auf dünnem imitierten Japan
16,8 x 22,9 cm


Ab dem Winter 1911/12 beschäftigt sich Franz Marc auf Anregung Wassily Kandinskys mit dem Holzschnitt. Und was liegt näher, als sich diesem neuen Medium über ein mit Pinsel und Feder bereits erprobtes Motiv zu nähern: dem Pferd! Ein in Tusche gezeichnetes „Liegendes Pferdchen“ von 1911 bereitet die Komposition vor, bis er vier „Ruhende Pferde“ in Holz schneidet und in drei Farben – Schwarz, Blau und Grün – druckt. Doch im Gegensatz zu dem Skizzenbuchblatt, das sich mit runden, weichen, kompakten Formen auf das Tier konzentriert, bedingt der Holzschnitt eine gewisse Kantigkeit in Kontur und Binnenstruktur, die den „Ruhenden Pferden“ etwas majestätisch Erhabenes verleiht. Marc rückt die Tiere eng zusammen und lässt sie zu einer kompositorischen Einheit verschmelzen, wie er es bereits im Skizzenbuch mit der Einbindung des Pferdes in die umgebende Natur angelegt hat. Die Technik des Holzschneidens ermöglicht dem Künstler nun, den Bildraum ganz neu zu erfassen und ein intensives Zusammenspiel von flächigen und linearen Elementen, von Farbe und Form zu erwirken. Durch die monotypie-artige Einfärbung des Druckstocks erscheinen, fast wie mit dem Pinsel gemalt, unsere „Ruhenden Pferde“ in harmonischer Eintracht. Die Darstellung erhält dadurch eine Monumentalität, die auch den Künstler überzeugt haben muss. So folgen auf diese erste Arbeit in der neuen Technik – heute eines der bedeutendsten und gefragtesten Blätter im Oeuvre Marcs – 21 weitere Holzschnitte.

Franz Marc

Schlafende Hirtin

1912
Holzschnitt auf hauchdünnem Japanbütten
19,9 x 24 cm


Der Schlaf- und Traumzustand sind zwei Motive, denen Franz Marc 1912 gleich mehrere wichtige Werke widmet, darunter „Versöhnung“, „Die Hirtin“ und „Schlafendes Pferd“. Die Darstellung des schlafenden Frauenaktes in paradiesisch anmutendem Schäferidyll steht nicht nur in einer langen Tradition bildnerischer Auseinandersetzung mit Schlafenden, es zeugt vor allem auch davon, wie reizvoll das Motiv auch Anfang des 20. Jahrhunderts im Industriezeitalter noch ist. Für Marc war der Ausdruck dieser paradiesischen Situation vor allem eine Utopie von einem Leben im Einklang mit der Natur, von Ursprünglichkeit und Reinheit.
In unserem Blatt nimmt der Akt nahezu die gesamte Bildfläche ein. Indem der Künstler die „Schlafende Hirtin“ in totale Harmonie mit ihrer Umgebung setzt, verstärkt durch den Graswuchs direkt unterhalb der Schlafenden und durch die Sonnenstrahlen, die sie von oben wärmen, schafft er eine äußerst ausgewogene Komposition, die die harmonische Wirkung der Arbeit weiter stützt. Und während wir die Nacktheit der Hirtin als Zeichen ihrer Verwundbarkeit lesen könnten, hilft ihre friedliche Mimik und die Entspanntheit ihres Körpers über ein kurzes Gefühl des Unbehagens hinweg, das die Verletzlichkeit einer in freier Natur unbekleidet schlafenden Frau hervorrufen könnte.

Franz Marc

Tierlegende

1912
Holzschnitt auf imitiertem Japan
20 x 24 cm


Unser Blatt "Tierlegende", das etwas vom symbolträchtigen Marc’schen Bilderkanon abweicht, hat in seinem Detailreichtum eine starke erzählerische Kraft. Der Künstler arbeitet hier mit dem konsequenten Kontrastwert von Schwarz-Weiß, den der Holzschnitt bietet, und webt Tierdarstellung und umgebende Natur so ineinander, daß unser Abzug auf den ersten Blick abstrakten Gebilden gleicht, die sich erst durch intensives Schauen erschließen. Und der genaue Betrachter wird sogleich belohnt: finden sich hier nicht nur ein kontemplativ versunkener Steinbock, sondern auch putzig anmutende Kleintiere, die sich dem Gebirgsbewohner zuwenden.

Franz Marc

Versöhnung

1912
Holzschnitt auf dünnem Japanbütten
20,1 x 26 cm


Inspiriert durch das Gedicht „Versöhnung“ von Else Lasker-Schüler entsteht 1911 Franz Marcs gleichnamiger Holzschnitt. Über ihren damaligen Ehemann Herwarth Walden übermittelt Marc der ihm persönlich bis dato unbekannten Schriftstellerin seine Illustration ihrer poetischen Worte. Im gleichen Jahr veröffentlicht Walden, Herausgeber von
„Der Sturm“, Marcs meisterliche Illustration ganzseitig als Titelblatt der Ausgabe und auf deren Rückseite Lasker-Schülers Gedicht. Die Veröffentlichung markiert den Beginn einer engen Freundschaft.
Marcs bildnerische, expressionistische Auseinandersetzung mit dem Liebesgedicht der jüdischen Lyrikerin zeigt eine zentrale weibliche, in sich gekehrte Figur, die sich unbekleidet mit vor dem Oberkörper verschränkten Armen zusammenkauert und zu beten scheint, während Strahlenbündel ihren Körper verlassen und einen Großteil der Bildfläche einnehmen. So wie Lasker-Schüler in ihrem Gedicht die Liebe als Gleichnis für die Versöhnung von Mensch und Ewigkeit sieht, vereint Marc die irdische Welt des unteren Bilddrittels mit der himmlischen des oberen. Die Lichtstrahlen des im Gedicht erwähnten Sterns dringen förmlich in die umliegenden Flächen ein, durchbrechen und verdrängen das satte, tiefe Schwarz des Himmels am oberen rechten Bildrand. Auffällig sind die verhüllte Gestalt im Rücken der Figur und das dunkle, flächige Ornament am linken oberen Bildrand – beide bleiben von den Strahlen unerreicht. Konkret erschließen läßt sich deren Bedeutung nicht. Aber sie geben der Illustration eine Ambivalenz, die der Natur des Menschen als empfindendes Wesen und dem Motiv der Versöhnung, als etwas Vermittelndes zwischen zwei Seiten, nur gerecht wird.

Über Franz Marc

Geboren: 1880 in München
Gestorben: 1916 bei Verdun

Franz Marc wird am 8. Februar 1880 in München geboren. Nach dem Abitur immatrikuliert er sich zunächst für ein Philosophiestudium an der Ludwig-Maximilian-Universität München, dass er wegen einer einjährigen Grundausbildung beim Militär, währenddessen Marc das Reiten lernt, nicht antreten sollte. Direkt im Anschluss wechselt er an die Münchner Kunstakademie, an der vor ihm schon sein Vater Malerei studierte. In den folgenden Jahren sind es vor allem die französischen Impressionisten, deren Arbeiten er erstmalig während einer Reise nach Paris 1903 kennenlernt, die Marcs Stil entscheidend verändern sollten. Auf einer weiteren Reise nach Paris im Jahr 1907 gerät der Künstler unter den Einfluss von Paul Cezanne, Paul Gauguin und Vincent van Gogh, für die er sich ausnehmend begeistert. Fortan entstehen Landschaftsmotive und Darstellungen von Tieranatomien, wobei Tiere nunmehr zu seinen Hauptmotiven dieser Zeit gehören. Die Suche nach einem geeigneten Stil führt ihn auf immer größere Formvereinfachungen, die Farbe wird zu einem bedeutenden Ausdrucksmittel. 1910 begegnet ihm August Macke, und beim Besuch einer Ausstellung der „Neuen Künstlervereinigung“ lernt er Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Gabriele Münter kennen. Marcs Stil wechselt zu einer expressiven, starken Farbigkeit, das Gegenständliche immer mehr vernachlässigend. Im Dezember 1911 wird die erste Ausstellung der Redaktion „Der Blaue Reiter“, dessen Mitglied Marc ist, in der Galerie Thannhauser in München eröffnet. Franz Marcs prominente Bilder „Die gelbe Kuh“, „Hocken im Schnee“ und andere entstehen. 1912 publiziert Marc zusammen mit Kandinsky den Künstleralmanach „Der Blaue Reiter“. In dieser Zeit reist er mit Macke nach Paris, wo sie auf Robert Delaunay treffen. Unter Delaunays Einfluß und dem der italienischen Futuristen entwickelt er in seinen Werken starke kubistische und kubofuturistische Bezüge. 1914 siedelt Marc nach Ried bei Benediktbeuern. Dort malt er seine letzten großen Gemälde, die etwas Sinnbildliches, Überzeitliches innehaben, etwa „Rehe im Wald II“. Marc befreit sich vom Naturalismus, die Formen lösen sich langsam auf, und die Gestaltung entwickelt eine eigengesetzliche Dynamik. Am 4. März 1916 fällt Franz Marc in der Nähe von Verdun im Krieg, getroffen von einem Granatenschuss.