Tierlegende
Fabeltier
Schlafende Hirtin
Versöhnung

Franz Marc

Tierlegende

1912
Holzschnitt auf imitiertem Japan
20 x 24 cm


Unser Blatt "Tierlegende", das etwas vom symbolträchtigen Marc’schen Bilderkanon abweicht, hat in seinem Detailreichtum eine starke erzählerische Kraft. Der Künstler arbeitet hier mit dem konsequenten Kontrastwert von Schwarz-Weiß, den der Holzschnitt bietet, und webt Tierdarstellung und umgebende Natur so ineinander, daß unser Abzug auf den ersten Blick abstrakten Gebilden gleicht, die sich erst durch intensives Schauen erschließen. Und der genaue Betrachter wird sogleich belohnt: finden sich hier nicht nur ein kontemplativ versunkener Steinbock, sondern auch putzig anmutende Kleintiere, die sich dem Gebirgsbewohner zuwenden.

Franz Marc

Fabeltier

1912
Holzschnitt auf dünnem Japan, mit Schablonen in insgesamt 6 Farben (Rot, Grün, Gelb, Orange, Rosa und Violett) koloriert
14,5 x 21,7 cm


Unser Blatt ist ein besonders farbfrisches Exemlar der dritten Auflage und als solches vom Künstler eigenhändig abgezogen, koloriert und signiert. Das Exemplar erhält dadurch den Charakter eines Unikats.
Der in sechs harmonischen Farben durch Schablonen kolorierte Holzschnitt ist ursprünglich – wie auch die Drucke der handkolorierten Auflage – ausschließlich der 1912 erschienenen Luxus- und Museumsausgabe des Almanachs „Der Blaue Reiter“ (60 Exemplare) beigegeben.
Das "Fabeltier", als ein sinnbildliches, überzeitliches Motiv, vergegenwärtigt auf wunderbare Weise die Aufbruchsstimmung des Künstlers, seine neues Konzept der Komplementärfarben und die Abkehr von der naturalistischen Abbildung.

Franz Marc

Schlafende Hirtin

1912
Holzschnitt auf hauchdünnem Japanbütten
19,9 x 24 cm


Der Schlaf- und Traumzustand sind zwei Motive, denen Franz Marc 1912 gleich mehrere wichtige Werke widmet, darunter „Versöhnung“, „Die Hirtin“ und „Schlafendes Pferd“. Die Darstellung des schlafenden Frauenaktes in paradiesisch anmutendem Schäferidyll steht nicht nur in einer langen Tradition bildnerischer Auseinandersetzung mit Schlafenden, es zeugt vor allem auch davon, wie reizvoll das Motiv auch Anfang des 20. Jahrhunderts im Industriezeitalter noch ist. Für Marc war der Ausdruck dieser paradiesischen Situation vor allem eine Utopie von einem Leben im Einklang mit der Natur, von Ursprünglichkeit und Reinheit.
In unserem Blatt nimmt der Akt nahezu die gesamte Bildfläche ein. Indem der Künstler die „Schlafende Hirtin“ in totale Harmonie mit ihrer Umgebung setzt, verstärkt durch den Graswuchs direkt unterhalb der Schlafenden und durch die Sonnenstrahlen, die sie von oben wärmen, schafft er eine äußerst ausgewogene Komposition, die die harmonische Wirkung der Arbeit weiter stützt. Und während wir die Nacktheit der Hirtin als Zeichen ihrer Verwundbarkeit lesen könnten, hilft ihre friedliche Mimik und die Entspanntheit ihres Körpers über ein kurzes Gefühl des Unbehagens hinweg, das die Verletzlichkeit einer in freier Natur unbekleidet schlafenden Frau hervorrufen könnte.

Franz Marc

Versöhnung

1912
Holzschnitt auf dünnem Japanbütten
20,1 x 26 cm


Inspiriert durch das Gedicht „Versöhnung“ von Else Lasker-Schüler entsteht 1911 Franz Marcs gleichnamiger Holzschnitt. Über ihren damaligen Ehemann Herwarth Walden übermittelt Marc der ihm persönlich bis dato unbekannten Schriftstellerin seine Illustration ihrer poetischen Worte. Im gleichen Jahr veröffentlicht Walden, Herausgeber von
„Der Sturm“, Marcs meisterliche Illustration ganzseitig als Titelblatt der Ausgabe und auf deren Rückseite Lasker-Schülers Gedicht. Die Veröffentlichung markiert den Beginn einer engen Freundschaft.
Marcs bildnerische, expressionistische Auseinandersetzung mit dem Liebesgedicht der jüdischen Lyrikerin zeigt eine zentrale weibliche, in sich gekehrte Figur, die sich unbekleidet mit vor dem Oberkörper verschränkten Armen zusammenkauert und zu beten scheint, während Strahlenbündel ihren Körper verlassen und einen Großteil der Bildfläche einnehmen. So wie Lasker-Schüler in ihrem Gedicht die Liebe als Gleichnis für die Versöhnung von Mensch und Ewigkeit sieht, vereint Marc die irdische Welt des unteren Bilddrittels mit der himmlischen des oberen. Die Lichtstrahlen des im Gedicht erwähnten Sterns dringen förmlich in die umliegenden Flächen ein, durchbrechen und verdrängen das satte, tiefe Schwarz des Himmels am oberen rechten Bildrand. Auffällig sind die verhüllte Gestalt im Rücken der Figur und das dunkle, flächige Ornament am linken oberen Bildrand – beide bleiben von den Strahlen unerreicht. Konkret erschließen läßt sich deren Bedeutung nicht. Aber sie geben der Illustration eine Ambivalenz, die der Natur des Menschen als empfindendes Wesen und dem Motiv der Versöhnung, als etwas Vermittelndes zwischen zwei Seiten, nur gerecht wird.

Über Franz Marc

Geboren: 1880 in München
Gestorben: 1916 bei Verdun

Franz Marc wird am 8. Februar 1880 in München geboren. Nach dem Abitur immatrikuliert er sich zunächst für ein Philosophiestudium an der Ludwig-Maximilian-Universität München, dass er wegen einer einjährigen Grundausbildung beim Militär, währenddessen Marc das Reiten lernt, nicht antreten sollte. Direkt im Anschluss wechselt er an die Münchner Kunstakademie, an der vor ihm schon sein Vater Malerei studierte. In den folgenden Jahren sind es vor allem die französischen Impressionisten, deren Arbeiten er erstmalig während einer Reise nach Paris 1903 kennenlernt, die Marcs Stil entscheidend verändern sollten. Auf einer weiteren Reise nach Paris im Jahr 1907 gerät der Künstler unter den Einfluss von Paul Cezanne, Paul Gauguin und Vincent van Gogh, für die er sich ausnehmend begeistert. Fortan entstehen Landschaftsmotive und Darstellungen von Tieranatomien, wobei Tiere nunmehr zu seinen Hauptmotiven dieser Zeit gehören. Die Suche nach einem geeigneten Stil führt ihn auf immer größere Formvereinfachungen, die Farbe wird zu einem bedeutenden Ausdrucksmittel. 1910 begegnet ihm August Macke, und beim Besuch einer Ausstellung der „Neuen Künstlervereinigung“ lernt er Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Gabriele Münter kennen. Marcs Stil wechselt zu einer expressiven, starken Farbigkeit, das Gegenständliche immer mehr vernachlässigend. Im Dezember 1911 wird die erste Ausstellung der Redaktion „Der Blaue Reiter“, dessen Mitglied Marc ist, in der Galerie Thannhauser in München eröffnet. Franz Marcs prominente Bilder „Die gelbe Kuh“, „Hocken im Schnee“ und andere entstehen. 1912 publiziert Marc zusammen mit Kandinsky den Künstleralmanach „Der Blaue Reiter“. In dieser Zeit reist er mit Macke nach Paris, wo sie auf Robert Delaunay treffen. Unter Delaunays Einfluß und dem der italienischen Futuristen entwickelt er in seinen Werken starke kubistische und kubofuturistische Bezüge. 1914 siedelt Marc nach Ried bei Benediktbeuern. Dort malt er seine letzten großen Gemälde, die etwas Sinnbildliches, Überzeitliches innehaben, etwa „Rehe im Wald II“. Marc befreit sich vom Naturalismus, die Formen lösen sich langsam auf, und die Gestaltung entwickelt eine eigengesetzliche Dynamik. Am 4. März 1916 fällt Franz Marc in der Nähe von Verdun im Krieg, getroffen von einem Granatenschuss.