Thème L Variation 15

Henri Matisse

Thème L Variation 15

1942
Conté-Kreide auf Velin
52,5 x 40,5 cm


Unser Blatt versprüht auf den ersten Blick eine Modernität und Sinnlichkeit, die ihresgleichen sucht. Sie gehört zu einer Werkreihe mit dem Titel „Thèmes et variations“, die insgesamt 158 Zeichnungen beinhaltet und 1941/1942 entsteht. Die Zeichnungen entwickelt Matisse nach einem systematischen Prinzip, wobei es 17 "Themen" gibt, die mit den Buchstaben A bis P gekennzeichnet sind ("Variationen"). Diese zeugen von der Hingabe des Künstlers, täglich zu zeichnen, und von einem Leben, das ganz der Linie gewidmet ist.

Immer wieder sind es Frauen, die Matisse portraitiert. Unsere Zeichnung zeigt Nézy-Hamidé Chawkat, eines von Matisse’ bevorzugten Modellen jener Zeit. Sie ist eine Urenkelin von Sultan Abdülhamid I., die im Exil an der Côte d’Azur lebt. Nézy begegnet Matisse in Nizza und verkörpert für ihn das Ideal einer dunkelhaarigen, verführerischen weiblichen Erscheinung mit orientalischen Gesichtszügen und einer starken Ausstrahlung, die Matisse etwa auch in „Le Rêve“ oder in seinen berühmten Odalisken erkundet. In „Thème L Variation 15“ ist Nézy in extravagante Stoffe mit Stickereien gehüllt, die an das aus derselben Schaffensperiode stammende Ölgemälde „Odalisque au fauteuil noir“ (1942) erinnern. Matisse hegt eine große Leidenschaft für Kleidung, er selbst besitzt eine Kostümsammlung und besondere Vorliebe für exotische Gewänder.

Vor allem aber zeigt unser Blatt, daß die Essenz seiner Kunst die Linie ist. Mit einfachsten Mitteln und einer eleganten Linienführung erzeugt Matisse eine souveräne, rhythmische wie spannungsreiche Komposition. Er nutzt hier die spezifischen Eigenschaften der Kreide, indem er die schwarze Haarpartie gezielt verwischt und als Kontrast dazu, konzentrierte, vereinfachte Formen und zarte, arabeskenhafte Umrißlinien mit Conté-Kreide setzt, die trotz der Zweidimensionalität etwas Plastisches vermitteln. Darüber hinaus hat unsere elegante Zeichnung einen übergeordneten musikalischen Charakter – worauf auch der Begriff „Variationen“ im Titel hindeutet.
Die Werke dieser Serie sind ein Höhepunkt in der lebenslangen künstlerischen Auseinandersetzung: „Seit einem Jahr betreibe ich das Zeichnen mit enormem Einsatz. Ich sage ‚Einsatz‘, doch das ist eigentlich falsch, denn was sich hier vollzogen hat, ist ein ‚Aufblühen‘ nach fünfzig Jahren des Bemühens“.

Über Henri Matisse

Geboren: 31.12.1869 in Le Cateau-Cambrésis
Gestorben: 03.11.1954 in Cimiez