Landschaft mit Schlucht
Erwachender Frühling
Scirocco
Südliche Stadt 2 (verso: Aquarell einer Wüstenlandschaft, 1967)

Eduard Bargheer

Landschaft mit Schlucht

1959
Aquarell auf Bütten
31 x 48,4 cm


Wie sehr Eduard Bargheer von der Natur stimuliert wird beweist unser vielschichtiges Blatt. Bargheer ist bereits seit 1950er Jahren zum sog. "reifen" Stil gelangt und stellt im jahr der Entstehung unseres Aquarells zum zweiten Mal auf der documenta in Kassel aus.
Dem Titel entsprechend greift er das Phänomen der Räumlichkeit in dieser Arbeit zwar auf, doch ist dem Künstler wie in all seinen Aquarellen mehr an der flächenhaften Struktur des Bildes gelegen. Die Dimensionen schmelzen in einem losen Netz aus luftigen Farbfeldern zusammen. Die Linien leiten, sie geben Anhaltspunkte; die zarten, flüssig aufgetragenen Wasserfarben befreien und lösen das Gedachte wieder auf. So entsteht ein dynamisches Wechselspiel als Sinnbild für eine transitorische Wirklichkeit. Bargheer schenkt uns seinen lyrischen Blick auf die tatsächlich gesehene Landschaft mit einer "Schlucht", bereichert um eine metaphysische Dimension.

Eduard Bargheer

Erwachender Frühling

1955
Aquarell auf leicht strukturiertem Bütten
22,4 x 32,4 cm


Eduard Bargheer ist für seine gewebeartig strukturierten Aquarelle der 1950er Jahre bekannt. In der abstrahierenden Bildgestaltung werden elementare Formzeichen zu Symbolen einer gesehenen und reflektierten Wirklichkeit. Auf diese Art und Weise soll das formale Beziehungsgeflecht der Gegenstandswelt sichtbar werden. Im Entstehungsjahr dieser Arbeit, 1955, ist Bargheer aufgrund seiner Bedeutung für die Balance zwischen Abstraktion und Gegenständichkeit Teilnehmer der documenta 1 in Kassel.
Unsere Arbeit, die gänzlich ohne Bleistiftvorzeichnung auskommt, ist ein wunderbares Beispiel für diese Kunst. Die exotischen Pflanzen verkörpern geradezu symbolisch den "erwachenden Frühling" seiner geliebten Insel Ischia und verdeutlichen einmal mehr, wie sehr sich der Maler der südlichen Atmosphäre des Mediterranen hingibt.

Eduard Bargheer

Scirocco

1967
Aquarell auf weichem Bütten (mit Wasserzeichen)
21,5 x 31,5 cm


Eduard Bargheers Motiv ist ein südlicher Garten auf Ischia, dessen Pflanzen und Bäume bei abendicher Stimmung den heißen Sahara-Winden des "Scirocco" ausgesetzt sind. Die Formen unseres Aquarells scheinen sich in ihrer Leichtigkeit und Transparenz aus Licht und Schatten zu gestalten: die zarten Farbfelder gehen hier vorsichtige Verbindungen ein, sind dort von ausgesparten Papierflächen und -stegen luftig durchbrochen. Die Gartenlandschaft wird in einem abstrahierten Formengewebe auf das Papier gebannt, wobei die Atmosphäre des erlebten Augenblicks eine Steigerung zu erfahren scheint.

Eduard Bargheer

Südliche Stadt 2 (verso: Aquarell einer Wüstenlandschaft, 1967)

1973
Aquarell auf Bütten
32 x 42,3 cm


1939 läßt sich der auf Finkenwerder geborene Maler Bargheer auf der italienischen Insel Ischia nieder und mietet sich in einem Klostergebäude des Ortes Forio d'Ischia an der Via Roma ein Atelier.
In unserem wunderschönen Blatt erscheint die im Abendlicht leuchtende "Südliche Stadt" wie verzaubert. Das warme Licht der untergehenden Sonne legt sich über die Kuppeldächer, Häuser und die Vegetation. In dieser Komposition spürt man Bargheers Lust an der kubischen Ornamentalisierung und Gliederung von Farbflächen. Dabei sind die unterschiedlichen Strukturen der Gebäude, des Hintergrundes und der Stadtlandschaft harmonisch aufeinander abgestimmt. Die Konturen und Farbfelder werden hier und da auch von bewußt ausgesparten, weißen Papierstegen unterbrochen, so daß insgesamt eine organische Einheit unseres farbstarken Gesamtmotivs entsteht.

Über Eduard Bargheer

Geboren: 1901 in Hamburg
Gestorben: 1979 in Hamburg

Nach einer Mal- und Zeichenausbildung an der Kunstgewerbeschule Hamburg-Lerchenfeld 1918 und nach Abschluss des Lehrerseminars 1924 beginnt Bargheer sein Studium an der Kunstschule Gerda Koppel als Schüler von Friedrich Ahlers-Hestermann. 1929 wird er Mitglied der Hamburger Sezession. Durch ein Stipendium kann er sich 1933 einen längeren Parisaufenthalt mit einem eigenen Atelier finanzieren. Im Herbst 1935 besucht Bargheer die italienische Insel Ischia, die er fortan jährlich bereist und wo er in den folgenden Jahren die Maler Werner Gilles und Rudolf Levy kennen lernt und sich künstlerisch anregende Freundschaften entwickeln. 1935 macht er die Bekanntschaft mit Paul Klee, den er ein Jahr später in Bern besucht. Die kriegsbedingte Übersiedlung des Künstlers 1939 nach Foro d'Ischia führt zu einem stilistischen Wandel. Die Werke seiner Italienzeit zeigen eine deutliche Hinwendung zur Abstraktion und zeichnen sich durch eine leuchtende Farbigkeit aus, wie sie in vielen seiner lebendigen, mosaikartigen Aquarellen deutlich wird. Erst 1950 kommt er zurück nach Deutschland, wo 1953 in der Kestner-Gesellschaft Hannover eine erste Retrospektive stattfindet. Es folgen Lehraufträge als Gastdozent und Professuren an den Universitäten in Berlin, Hamburg und Rom.
Zum 75. Geburtstag des Künstlers wird 1976 die große Retrospektive im Hamburger Kunsthaus eröffnet und die Eduard Bargheer-Stiftung zur Förderung junger Künstler ins Leben gerufen. Drei Jahre später stirbt der Maler mit 78 Jahren in seiner Geburtsstadt Hamburg-Finkenwerder.