Meine Liebe

Horst Janssen

Meine Liebe

1991
Gouache, Deckweiß und Tuschfeder auf einem handschriftlich beschriebenen Doppelbogen Büttenpapier
31,6 x 44 cm


Am 19. Mai 1990 stürzt Horst Janssen mitsamt Lithosteinen, Säurebädern und seinem gesamten Balkon 3,40 Meter in die Tiefe. Neben Knochenbrüchen und Platzwunden war das schlimmste für ihn die verätzte Hornhaut seiner Augen. Ein Zeichner, der nicht sehen kann: eine Katastrophe für einen Künstler, der sich bisher „mit den Augen, durch die Augen aus der Welt herausgekritzelt“ hat. Wie glücklich ist Horst Janssen, selbst nicht mehr in der Lage, nach der Natur zu zeichnen, als seine Liebe Heidrun Bobeth sich ein Jahr darauf etwas „Verspieltes, was Tanzendes und Hüpfendes“ wünscht. „(…) wie aus dem Pinsel gekleckst. Voller Farbe und richtig drollig.“ Figur und Groteske wird zum Thema, die „Drollerei“ ist geboren. Unser Blatt mit dem Titel „Meine Liebe“ zeigt vier größere Figuren, drei weibliche Gestalten und ein bekleidetes Skelett, die zusammen mit zwei kleinen Fabelwesen spielerisch zu tanzen scheinen. Auffällig ist die besonders intensive, leuchtende Farbigkeit, kräftige Blau- und Rottöne wechseln sich ab mit goldenen Akzenten. Die Figur mit dem Totenschädel am linken Bildrand erinnert an das bei Janssen wiederkehrende Motiv des Totentanzes, was auch als eine Anspielung seinen Unfall gesehen werden kann. Dafür spricht auch die handschriftliche Anmerkung auf dieser besonders schönen „Drollerei“, datiert auf den 19. 05. 91: „heute jährt sich mein Todestag“.

Über Horst Janssen

Geboren: 1929 in Hamburg
Gestorben: 1995 in Hamburg

Horst Janssen, am 14. November 1929 – wie er selbst zu sagen pflegte: „auf der Durchreise“ – in Hamburg geboren, gehört wohl zu den bedeutendsten Künstlern der deutschen Nachkriegszeit. Er ist nicht nur ein begnadeter Zeichner – sein Werk umfasst Holzschnitte, Lithographien und Radierungen sowie Aquarelle genauso wie Collagen und Fotografien. Eines haben seine künstlerischen Arbeiten trotz ihrer Vielfalt gemein: im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen bleibt Janssen in seinem Schaffen dem Gegenständlichen verpflichtet. Das „genaue Hingucken“ gehört zum Handwerk, ob kleine Details, die das Auge entzücken, Landschaften, vergängliche Stillleben, Portraits oder die Kopie großer Meister, Janssen ist stets „ganz Auge“. Mit dem Studium an der Landeskunstschule Hamburg, als Meisterschüler bei Alfred Mahlau, beginnt 1946 die Karriere dieses Ausnahmetalents und Enfant terrible, dessen unglaubliche Produktivität auch vor körperlicher Versehrtheit keinen Halt macht. Selbst als er 1990 nach dem Sturz vom Balkon seiner „Burg“ in Hamburg Blankenese fast sein Augenlicht verliert, weil Säure seine Augen verätzt, hat er noch am selben Tag wieder den Zeichenstift in der Hand. Nach mehreren Schlaganfällen stirbt Horst Janssen am 31. August 1995 in Hamburg. Beigesetzt wird er auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg als Ehrenbürger der Stadt. Posthum erhält Janssen im Jahr 2000 dort sein eigenes Museum, das regelmäßig Ausstellungen zu Werkzyklen des Zeichners zeigt.