Liegender Akt mit Tuch

Karl Hofer

Liegender Akt mit Tuch

Um 1925
Bleistift, teilweise gewischt, auf festem Velin
41,8 x 51,1 cm


Über Jahrzehnte hinweg beschäftigt Karl Hofer das Thema der schlafenden oder ruhenden Frauen- und Mädchengestalten. Unsere um die Mitte der 1920er Jahre entstandene, auf einem mit Streifen versehenen Tuch ruhende Aktfigur, blickt versonnen und mit melancholischem Blick aus dem Bild, ohne Kontakt mit uns zu suchen. Man denkt bei der Komposition zunächst an Hauptwerke dieses klassischen kunsthistorischen Topos, etwa an Manets „Olympia“ oder Ingres „Odaliske“, die Hofer beide kennt (und auch in Werken zitiert). Jedoch zeichnet sich diese formal auf den reinen Strich und feine Modellierungen des Bleistifts reduzierte Komposition durch die unverwechselbare Bildsprache Hofers aus. Die Zartheit und Beseeltheit des Menschen ist der immer wiederkehrende Ausdruck, den Hofer in seinen Bildnissen einzufangen versucht. Die melancholisch wirkende junge Frau, deren Gedanken man gerne entschlüsseln würde, scheint wie der Außernwelt entrückt und regt zur Kontemplation an, was ebenfalls charakteristisch für die Frauenbildnisse des Künstlers ist. Jedoch versprüht der Akt durch die mit einem einzelnen, schwungvollem Strich gezeichnete modische Bubikopffrisur, die an Bildnisse des Berliner Modells Martha erinnert und stellvertretend für die Goldenen Zwanziger Jahre steht, gleichzeitig auch Lebenskraft, Dynamik und Modernität.

Unsere Zeichnung steht vermutlich in Verbindung mit den kompositorisch und von der Körperhaltung sowie der Frisur sehr ähnlich angelegten Gemälden "Liegender Akt" (1934) und "Liegende im Gemach" (1941).

Über Karl Hofer

Geboren: 1878 in Karlsruhe
Gestorben: 1955 in Berlin

Als Sohn eines Militärmusikers wird Karl Hofer im Oktober 1878 in Karlsruhe geboren - er verbringt seine Kindheit im Waisenhaus. Mit 14 Jahren wird Hofer Lehrling in einer Verlagsbuchhandlung. Die Arbeitsabfälle der Druckerei und Lithographien inspirieren den bereits in früher Jugend an Kunst und Literatur Interessierten zur Zeichnung und zum Aquarell. Mit einem Stipendium kann Hofer schließlich 1897 das Studium an der Karlsruher Akademie aufnehmen. Bis 1901 ist er Schüler von Poetzelberger, Kalckreuth und Thoma - Lehrer, von denen er wenig Anregungen für sein ambitioniertes 'Kunstwollen' bekommt;
1901 unternimmt Hofer eine Studienreise nach Paris, wo er den Louvre besucht und u.a. intensiv Cézanne studiert und rezipiert. Dort lernt er auch den einflußreichen Kunstkritiker Julius Meier-Graefe kennen, der ihn fördert und ihn mit bedeutenden Privatsammlungen bekannt macht. Ab 1903 geht der inzwischen verheiratete Hofer nach Rom, wo seine Malerei vor allem den Einfluß des Symbolisten Arnold Böcklin zeigt. Nach weiteren fünf Jahren in Paris entscheidet der inzwischen als Künstler etablierte Hofer sich für Berlin als Ort des Schaffens. Im Kriegsjahr 1914 Jahr wird er in Frankreich interniert und kehrt erst 1920 nach Deutschland zurück.
1922 folgt der Ruf für eine Professur an der Kunsthochschule in Berlin-Charlottenburg, 1923 ist er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Während des Dritten Reiches wird Hofers Kunst als 'entartet' erklärt, 1933/34 wird er vom Dienst suspendiert und seine Arbeiten 1937 in der Münchner Ausstellung 'Entartete Kunst' gezeigt. Bis zu seinem Tod 1955 lebt Hofer in Berlin und nimmt das Amt des Direktors an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin wahr. Hofers Werk, das seinen Ausgang bei Marées' klassischer Bildwelt nimmt, die er mit Einflüssen von Cézanne kombiniert, nähert sich unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs an die Neue Sachlichkeit an.